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NAWITA-OG Bühl
10 Jahre NAWITA: Zwischen behördlichem Tiefschlaf, nackter Ignoranz und dem Überlebenskampf unserer Seen

10 Jahre NAWITA: Zwischen behördlichem Tiefschlaf, nackter Ignoranz und dem Überlebenskampf unserer Seen

Zusammenfassung für die mit wenig Luft


Seit zehn Jahren brennt das Citizen-Science-Projekt NAWITA für den Gewässerschutz. Was am 20. August 2016 ohne Verbandsunterstützung begann, entwickelte sich zu einer verlässlichen Säule für die systematische Zustandserfassung unserer regionalen Gewässer. Wir bestimmen Makrophyten, sichern Herbarbelege und messen im Langzeitprojekt „DeepTemp“ physikalische Schlüsselparameter wie Temperatur und Licht. Doch wir nehmen kein Blatt vor den Mund:

Während manche Behörden unsere Berichte ignorieren, verändern sich unsere Seen. Die einzige Rettung ist die Selbsthilfe vor Ort – so wie unsere erfolgreiche Jagd auf den invasiven Kalikokrebs im NAWITA See-ID: 06 in Kooperation mit den Anglern. Wer mit uns abtaucht, erlebt kein idyllisches Postkartenmotiv, sondern faszinierende Wissenschaft und echte Artenkenntnis.

Knallhart hinterfragt: 10 Jahre Naturwissenschaftliches Tauchen NAWITA
Der wilde Start im Trüben

Enthusiastisch, begeistert, wissbegierig, bereit, etwas zum Naturschutz beizutragen und einen bleibenden Fußabdruck zu hinterlassen: Genau so waren wir drauf, als wir am 20. August 2016 in einem Seminar zum Thema „Tauchen für den Naturschutz“ das erste Mal die heimische Unterwasserflora systematisch unter die Lupe nahmen. Wir waren damals die Pioniere in Baden-Württemberg – und das völlig ohne den Segen oder die Organisation des Verbandes Deutscher Sporttaucher (VDST). Diese Unabhängigkeit schmeckte den Verbandsoberen überhaupt nicht. Auf der Wassersportmesse Boot 2017 kam es dann zur Diskussion und zum Schlagabtausch zwischen Volker und Hannelore. Aber wir ließen uns nicht beirren. Wir wollten Daten, keine Bürokratie.

Dank der Initiative von Silke Oldorff, der unermüdlichen Bundesprojektkoordinatorin des NABU-Citizen-Science-Projekts „Tauchen für den Naturschutz“ (unter dem Dach des Bundesfachausschusses „Lebendige Seen“), fanden immer mehr Sporttaucher den Weg zur Gewässerkartierung. Auch heute bilden sie noch motivierte Taucher aus. Doch die Realität holt uns schnell ein: Viele fangen an, aber nur die wenigsten bleiben dauerhaft dabei. Der Atem reicht oft nicht für die harte, repetitive Feldarbeit. Aber wir sind geblieben – seit einem Jahrzehnt!

Unsere harten Fakten: Die NAWITA-Datenbank
Hier ist der ungeschönte Auszug unserer Arbeit aus der Excel-Gewässerdatenbank. Diese Seen haben wir in den letzten 10 Jahren systematisch vermessen, kartiert und überwacht:

Gesamtübersicht der Datenerfassungen
Naturwissenschaftliches Tauchen / 2016 – 2026
1. Wichtige Daten zu den Bestimmungen
Anzahl der Bestimmten einzelnen Art147
Σ aller Bestimmten Arten gesamt (Mehrfachzählung)1.740
Anzahl der Monitoring Tauchgänge Wissenschaftlich354
Anzahl der Monitoring Tauchgänge zum Erkunden17
Σ der erfassten Datensätze in der NAWITA-Datenbank1.913
Σ der erfassten und berechnetet Daten156.625
Hydrophyt / Unterwasserpflanzen62
Alga / Alge10
Ciliata / Wimpeltierchen2
*Klärung2
Amphibia / Amphibien1
Hydrachna / Milbengattung5
Crustacea / Krebse10
Gobiiformes / Grundelartig2
Porifera / Schwämme2
Bivalvia / Muscheln7
Pisces / Fische19
Bacteria / Bakterien4
Insecta / Insekten4
Gastropoda / Schnecken9
Diptera / Zweiflügler1
*Auffälligkeit3
Medusae / Medusen1
Eumetazoa / Gewebetiere1
Castor / Bieber1
Bulbillen / Brutknöllchen1
2. Temperaturwerteaufnahmen
Temperaturwerte [C°]2100
3. Lichtwerteaufnahmen
Lichtwert [Lux]336
4. Invasive Artenaufnahme
Invasive Arten28
5. Präparat
Präparat38
6. Herbarbelege
Anzahl Herbarbelege297


Wissenschaft statt Kaffeefahrt

Wie und was wir genau durchführen, geht weit über das normale Sporttauchen hinaus. Wir bestimmen Pflanzen auf Artebene, führen komplexe Wasseranalysen durch, sichern wissenschaftliche Herbarbelege und haben ausgeklügelte Techniken zum Sammeln und Trocknen von Unterwasserpflanzen entwickelt. Die Details dazu könnt ihr auf unserer Homepage www.nawita.de nachlesen.

Ein echtes Highlight war unser Langzeitprojekt „DeepTemp“. Hier haben wir uns professionell beraten lassen von der Firma HYDRA Marine Sciences GmbH in Bühl und stationäre Temperaturlogger des Weltmarktführers HOBO in den Tiefenstufen 0 m, 5 m, 10 m, 20 m und 30 m verankert. Alle sechs Monate holen wir die Logger an Land, lesen die Datensätze aus und installieren sie neu. Warum? Weil die Wassertemperatur und das Licht die absoluten physikalischen Schlüsselparameter für chemische und biologische Prozesse im See sind. Durch den Klimawandel verschwindet in vielen Seen die überlebenswichtige Temperatursprungschicht – das müssen wir lückenlos dokumentieren, bevor es zu spät ist.

Wer mit uns abtaucht, merkt schnell: Das ist kein gemütliches Dahintauchen. Wir kennen unter Wasser fast jeden Grashalm, jede Froschlaichalge (Batrachospermum) und jeden Süßwasserpolypen (Hydra). Unsere Artenkenntnis macht jeden Monitoringtauchgang zu einer spannenden Entdeckungsreise in ein Ökosystem, das dem normalen Badegast völlig verborgen bleibt.

Was bringt die ganze Arbeit? Ein bitteres Fazit

Unser Ziel war und ist es, Veränderungen in unseren Seen wissenschaftlich exakt zu dokumentieren und harte Daten für den Gewässerschutz zu sammeln. Aber wir müssen die Karten jetzt auf den Tisch legen und knallhart fragen:

Was haben wir mit all der Arbeit, den zentnerweise an Behörden geschickten Berichten und den Medienveröffentlichungen am Ende tatsächlich verändert im Gewässer- oder Naturschutz? Geht es den Seen durch unsere wissenschaftliche Arbeit besser?

Die ehrliche Antwort lautet: Fast kein Stück!

Wir haben durch unsere Arbeit nichts direkt im Gewässerschutz verbessert, sondern wir haben vor allem die Augen verschlossen haltende Systeme aufgedeckt. Wir haben Berichte an die Rathäuser, Landes- und Bundesämter geschickt – und geerntet haben wir betretenes Schweigen. Die Behörden halten es schlichtweg nicht für nötig einzuschreiten. Während sich die Politik im Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern verheddert – wie die jahrelange, träge Debatte um die Aufnahme des Kalikokrebses in die EU-Invasivitätsliste beweist –, sterben unsere heimischen Gewässer leise vor sich hin.

Ein Beispiel unserer Arbeit mit allen Genehmigungen dazu, um einen See zu monitoren, endete fast mit einem Rechtsstreit zwischen einem Angelverein aus der Region und uns. Trotz der Genehmigungen vom Landratsamt und Regierungspräsidium. Hier ging es uns zum ersten Mal schlecht und wir fragen uns: Wozu das alles, wenn es keinen interessiert?

Die Ausnahme von der Regel: Allianz der Tatverdächtigen

Der einzige Ort, an dem wir nachweislich etwas verändert haben, damit es dem Gewässer besser geht, war der NAWITA See-ID: 06.

Im Jahr 2023 stießen wir bei einem Monitoringtauchgang auf eine ökologische Katastrophe: Der invasive, aus Nordamerika eingeschleppte Kalikokrebs (Orconectes immunis) hatte sich massenhaft ausgebreitet. Wir zählten über 200 Exemplare pro Tauchgang, die Unterwasservegetation war praktisch kahlgefressen. Nachdem die Behörden den eingereichten Fachbericht komplett ignorierten, machten wir gemeinsam mit den Anglern kurzen Prozess.

Die Angler handelten sofort, mieteten Boote und warfen in einer beispiellosen privaten Rettungsaktion Reusen aus. Das Ergebnis:

• Über 8.000 Kalikokrebse wurden in monatelanger, harter Arbeit aus dem See entnommen.

• Bei unseren Kontrolltauchgängen 2024 zählten wir insgesamt nur noch 7 Exemplare!

• Der Pflanzenbestand des Sees hat sich im Vergleich zum Katastrophenjahr 2023 extrem erholt.

Das beweist: Wir können etwas bewirken – aber nur, wenn wir uns als Bürger selbst helfen und die träge Bürokratie einfach links liegen lassen.

Neue Bedrohung am Horizont

Doch der Feind schläft nicht. Im Juni 2024 mussten wir den Kalikokrebs im nächsten großen Gewässer nachweisen: im NAWITA See-ID: 13. Dieser Fund schmerzt besonders, denn er hat unsere bisherige, beruhigende Theorie komplett über den Haufen geworfen. Wir dachten, dass gesunde Bestände an heimischen Raubfischen wie Hecht, Barsch und Wels in einem so großen, tiefen Gewässer die Krebse im Zaum halten können. Ein Trugschluss. Die Population explodiert auch dort. Am 27. Juli 2024 fanden wir die charakteristischen blauen Scherenpaare der Krebse bereits an Land, drei Meter vom Ufer entfernt. Der Krebs breitet sich über die Flutkanäle und Bäche weiter in sensible Schutzgebiete wie das Waldhägenich aus. Der nächste Brandbrief an den Angelverein und das Landratsamt ist unterwegs – und wir werden genau beobachten, wer diesmal das Handeln verweigert.

Und ganz aktuell: Die Funde des Signalkrebses (Pacifastacus leniusculus) in der Oos mitten in Baden-Baden.

Was bringt die Zukunft?

Trotz aller Frustration über die Bürokratie: Das naturwissenschaftliche Tauchen macht uns nach wie vor riesigen Spaß. Es fasziniert uns jeden Tag aufs Neue. Doch wir verschwenden unsere Energie nicht mehr in endlosen Behörden-Schleifen. Wir konzentrieren uns ab jetzt radikal auf die Kooperationen, die wirklich funktionieren: Hand in Hand mit den engagierten Gewässerwarten und Anglern vor Ort.

An alle da draußen, die ebenfalls Daten sammeln, Kartierungen durchführen und für den Schutz unserer Gewässer kämpfen: Lasst euch nicht entmutigen! Macht weiter, vernetzt euch und schaut hin, wo andere weggucken. Vielleicht schaffen wir es in den nächsten zehn Jahren, der Ignoranz ein Ende zu setzen. Der Klimawandel und das Artensterben warten nicht auf Anträge in dreifacher Ausfertigung.

Gehen wir es an!

Und zum Schluss DANKE!

DANKE an alle, die bei diesem Citizen-Science-Projekt je mitgeholfen haben. Ohne EUCH wären wir nicht so weit gekommen und hätten nicht so viele Daten, Herbarbelege sowie Foto- und Videoaufnahmen erstellen können.

DANKE und auf die nächsten 10 Jahre!

Euer Michael

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